Giovanna BRIZI (Rom)
Das religiöse Leben des Kaisers Karl. Studium der Akten zum Seligsprechungsprozess1
Dich sollen preisen, Herr, alle Könige der Welt (Ps 138,4). Zu den Königen, die, zum Lob und zur Verherrlichung des Herrn, durch ein heiliges Leben und Wirken hervorragten, muss man zweifellos den Diener Gottes Karl von Österreich zählen. Denn im Bewusstsein des göttlichen Ursprungs jeder menschlichen Autorität (vgl. Röm 13,1) hat er seine Stellung als Souverän nicht ausgenützt zu persönlichem Vorteil. Vielmehr handelte er stets nach Gerechtigkeit zum Wohl seines Volkes, zum Wachstum des Reiches Gottes und für die Freiheit der Kirche, welche nach der Botschaft des II. Vatikanischen Konzils von den Regierenden fordert, sie mögen ihr die Freiheit des Glaubens und der Glaubenspraxis, die Freiheit, ihren Gott zu lieben und ihm zu dienen, sowie die Freiheit - zu leben und den Menschen die Botschaft des Lebens zu bringen, gewährleisten.2
Mit diesen erhellenden Worten beginnt der Text des Dekrets über die Tugenden, verfasst anlässlich der Anerkennung der Heroizität der theologischen Tugenden, der Kardinaltugenden und der aus diesen erfließenden weiteren Tugenden des Dieners Gottes Karl von Österreich durch die theologischen Konsultoren (29. Oktober 2002) und die Kardinäle und Bischöfe (April 2003).
Versteht man unter Religiosität die religiöse Erfahrung auf der individuellen Ebene,3 dann wird klar, dass jeder menschliche Lebenslauf, ob er nun in eine kanonisierte Heiligkeit mündet oder nicht, schon allein durch diese Erfahrung als einmalig und unwiederholbar gelten muss. Diese allgemeine, offensichtlich tautologische Vorbemerkung gilt umso mehr für die so vielseitige und komplexe Gestalt, deren religiöses Profil im Folgenden untersucht werden soll.
Des Weiteren muss man das geistliche Programm vor Augen haben, welches die Entscheidungen dieses jungen und glück-losen Kaisers stets bestimmte, der vierunddreißigjährig, arm und verbannt, auf einer Insel des Atlantik verstorben ist. In der letzten Nacht seines Lebens, am 1. April 1922, sagte er zu seiner Frau: Ich will dir jetzt einmal mit aller Klarheit sagen, wie ich es halte: Mein ganzes Streben geht stets dahin, so klar wie nur möglich in allem den Willen Gottes zu erkennen und zu erfüllen, und zwar so vollkommen wie nur möglich!4 Und dieses Streben hatte ihn alle Tage seines Lebens begleitet.
Wenn man die Etappen seines Lebens durchgeht, darf man sagen, dass dieser sein unbeugsamer Wille, den göttlichen Willen zu erkennen und zu erfüllen, sein tägliches Brot wurde, die Nahrung, die er brauchte, um stets mit ergebener Gelassenheit die Misserfolge, die Verleumdungen und Widrigkeiten anzunehmen, die ihm in seinem kurzen Leben zugemutet waren. Alles, Freud und Leid, war für ihn Gabe Gottes; gern und oft sagte er: Wir sind in den Händen der göttlichen Vorsehung. Was auch passiert, ist recht. Haben wir nur Vertrauen!5
Frau Maria Lackner6 befand sich am 31. Dezember 1921 auf Madeira. Sie beschreibt dieses letzte Neujahr im Haus Habsburg, in einem Moment, da tatsächlich die ganze Welt über den Diener Gottes zusammengestürzt schien: Abends fand als Jahresschluss-Andacht in der Hauskapelle eine eucharistische Segensfeier statt. Nur der Kaiser, die Kaiserin und wir waren zugegen. Auch das „Te Deum“ wurde gebetet. Hinter uns lag ein Jahr, welches das härteste im Leben des Dieners Gottes war. Fern der Heimat im Exil, in schwerster äußerer Notlage, getrennt von seinen Kindern, wusste er nicht, welche Übel der morgige Tag ihm bescheren würde. Während des „Te Deum“ verstummte einer nach dem andern von uns, da uns der Schmerz die Stimme raubte. Nur der Diener Gottes hielt durch und betete, laut und deutlich jedes Wort betonend, das „Canticum Ambrosianum“ bis zum Ende. /.../. Ich betrachtete ihn mit Bewunderung: Man sah ganz klar, dass es für ihn in diesem Augenblick Gott allein und sonst nichts gab, und dass dieses „Te Deum“ ein ganz persönlicher Dialog zwischen Gott und seinem treuen Diener war. Damals wusste er nicht, ob er seine Kinder je wieder sehen würde, er wusste nicht, was der morgige Tag ihm bringen würde, und dennoch betete er dieses Dankgebet mit solcher Inbrunst.
Das alles wäre nicht allzu viel gewesen, wenn dieses tägliche Bemühen, den Willen Gottes zu tun, quasi ein abgehobenes Ideal geblieben wäre. Doch wir können feststellen, dass es auf jedem
1 Übersetzung: P. Erhard Mayerl OFMCap.
2 Decreto sulle virtu. April 2003.
3 Lexicon Zanichelli.
4 Positio super virtutibus et fama sanctitatis. Roma 1994. Summ. docc. T. I. S. 107.
5 Summ. test. S. 600, § 780, Kaiserin Zita.
6 Summ. test. S. 390-391, §§ 561-562, Maria Lackner.
Gebiet konkret wurde, besonders in seinem Verhalten gegenüber dem Nächsten. Aus seiner bedingungslosen Gottesliebe erfloss jene andere, oft weit schwerer zu lebende Liebe, nämlich die zum Nächsten. Wir können mit dem hl. Jakobus sagen, dass bei ihm der Glaube und die Werke zusammenwirkten und dass erst durch die Werke der Glaube vollendet wurde. (Jak 2,22).7
Man muss also das Leben des Dieners Gottes unter religiösem Blickwinkel betrachten, sich so weit wie nur möglich von Vorurteilen und fixen Vorstellungen befreien und darin die Spuren Gottes und zugleich seine menschliche Natur zu erkennen suchen; man wird nicht, weltfremd und irreal, einen sündenlosen Asketen präsentieren wollen, sondern Leben und Wirken eines Menschen beurteilen, der in seinem kurzen Dasein ein Amt zu verkörpern hatte, das lange Zeit hindurch im Abendland das höchste war, das ein Laie erlangen konnte, nämlich das eines Kaisers. Er stand an der Spitze jenes Reiches, das man mit Recht als legitimen Erben der erloschenen Macht des Heiligen Römischen Reiches betrachten konnte.8
Die Hauptquelle für die besten und verlässlichsten Angaben über das Leben des Dieners Gottes ist zweifellos die Positio super virtutibus et fama sanctitatis, die insgesamt etwas unter 2.700 Seiten umfasst, mit gut 85 Texten aus dem Ordentlichen Prozess in Wien und den Untersuchungsprozessen von Luxem-burg, New York, Freiburg, Paris, Le Mans und Funchal. Gut 70 davon stammen von Augenzeugen. Die Masse der beigebrachten Dokumente ist beeindruckend: gut 1.120 Seiten. Eine von mehreren Untersuchungen ist auch die von Dr. Elisabeth Kovàcs über die Übereinstimmung zwischen Texten und Dokumenten. Sie bildet zusammen mit 13 weiteren speziellen oder von Mitgliedern der historischen Kommission verfassten, geschichtlichen Studien einen Teil der Positio selbst. E. Kovàcs schließt folgendermaßen: Wie schon festgestellt, stimmen alle historischen Fakten in den Zeugen-Protokollen mit den Erkenntnissen der Untersuchung überein.9 Es bestehen also keine vernünftigen wissenschaftlichen Zweifel bezüglich der Glaubwürdigkeit der in der Positio dargestellten Tatsachen.
Karl erblickte am 17. August 1887 in Persenbeug an der Donau das Licht der Welt. Ein zartes, kleines Kind, das mit viel Sorgfalt und Liebe aufgezogen werden musste, erzählt Marquise Crescentia Pallavicini, Hofdame der jungen Maria Josefa, der Mutter des Dieners Gottes.10 Die Geburt war schwierig, eine Zangengeburt, die der Mutter fast das Leben kostete.
Das familiäre Ambiente, das den kleinen Karl umgab, war nicht das Günstigste. Die Ehe der Eltern konnte man keineswegs als glücklich bezeichnen. Die Mutter, Erzherzogin Maria Josefa, geborene Prinzessin von Sachsen, war eine tieffromme, streng ka-tholische Frau, ließ jedoch jedes Anpassungsvermögen vermissen, lebte ständig nach einem fixen Programm, verstand es nicht, Liebe und Wärme zu zeigen, die sie im Inneren wohl empfinden mochte;11 wie ihre Nichte Elisabeth Charlotte sie beschreibt. Von ganz anderer Art war der Vater, Erzherzog von Österreich Otto Franz Josef, ein überaus anziehender, gutmütiger, jedoch ein wenig charakterschwacher Mann. Sein großer Charme, seine Schönheit, seine Künstlernatur, seine jugendliche Unterhaltungssucht könnten Ursache für manche Fehltritte in seinen Jugendjahren gewesen sein. Trotz ihrer charakterlichen Verschiedenheiten lag beiden Eltern die moralische, gesellschaftliche und religiöse Erziehung ihres Erstgeborenen am Herzen. Sie schützten ihn vor der Gefahr, wegen seiner dynastischen Nähe zum Thron als Sohn des Staates erzogen zu werden. Wie alle Sprösslinge seines Geschlechts wurde er unter die Obhut verschiedener Kinderfräuleins und hernach von Hauslehrern gegeben, die sich gezielt mit der Erziehung des Knaben befassten, stets unter Anleitung der Mutter, die jedoch nie persönlich eingriff, sondern sich gewissermaßen auf eine Aufsichts-Funktion beschränkte.12
Unter seinen Lehrern übte zweifellos Graf Georg Wallis den stärksten Einfluss auf den künftigen Kaiser aus. Er war praktizierender Katholik, sehr fromm und ein bis ins Mark treuer Diener seines Kaisers,13 liebte den Kleinen wie den eigenen Sohn, jedoch stellte er, gewiss mit bester Absicht, schon den kleinen Erzherzog unter eiserne Disziplin, was dem an Leib und Seele sensiblen Jungen wohl so manche schwere Stunden bereitete.14 Außer den Laien wurden auch Priester mit der religiösen Erziehung des Kleinen betraut, vor allem für die religiöse Unterweisung: Zuerst P. Norbert Geggerle, ein
7 Cfr. Jak., 2,22.
8 Relatio et vota dei Consultori storici. Voto 4, T. I. A, S. 22.
9 Positio, Summ. docc. II. S. 521.
10 Summ. test. S. 74, Marquise Crescenzia Pallavicini.
11 Summ. test. S. 195-196, Elisabeth Charlotte.
12 Summ. test. S. 784-785, Teresa Korff Schmising Kerssenbrock.
13 Summ. test. S. 128, Anna Tachezy.
14 Summ. test. S. 786, Teresa Korff Schmising Kerssenbrock.
Dominikaner, und hernach der Weihbischof Dr. Gottfried Marschall, der ihm auch die Sakra-mente der Erstkommunion und der Firmung spendete.
Wie normalerweise bei Kindern seines Alters wechselten auch im Tageslauf Karls Zeiten des Lernens und des Spielens. Besondere Sorgfalt wurde auf das Sprachstudium gelegt. Es war die Regel, alle Sprachen des riesigen Reiches zu erlernen; mehrere Zeugen berichten, dass der Diener Gottes etwa sieben Sprachen beherrschte. Alle Zeugen beschreiben Erzherzog Karl übereinstimmend als aufgewecktes, intelligentes, gehorsames, gutmütiges, großzügiges und empfindsames Kind von zarter Gesundheit und eifrig bei Gottesdienst und religiösen Übungen. Er war ein überaus gewissenhaftes Kind, ging nie an einer Kirche vorüber, ohne darin ein Gebet zu verrichten; oft sah man ihn in der Hauskapelle; pünktlich und gewissenhaft verrichtete er seine täglichen Gebete und jeden Abend hielt er strenge Gewissenserforschung.15
Sehr gern besuchte Karl Marienwallfahrtsorte, besonders Maria Taferl, von denen er Andenken heimbrachte. Eines Tages brannte bei Reichenau ein Haus ab, und sogleich leerte der Kleine seine Sparbüchse, um der betroffenen Familie zu helfen.16
Auf seine Kindheit geht auch eine bezeichnende Episode zurück, die seine Gattin Zita berichtet: Der Diener Gottes war ein inniger Verehrer der Gottesmutter als seiner himmlischen Mutter. Eines Tages warf er im Spiel einen Ast in die Luft, der zufällig auf eine kleine Marienkapelle fiel. Obwohl dies völlig unbeabsichtigt geschah, brach der Kleine sogleich in Tränen aus, so sehr schmerzte es ihn, der Muttergottes weh getan zu haben. Sein Leben lang erwies er Marterln besondere Verehrung, und immer wieder schmückte er sie mit Blumen oder Sträußchen, um, wie er mir sagte, der Gottesmutter zu zeigen, dass er ihr nie weh tun wollte.17
Die Jugendjahre verbrachte Karl bei seiner Familie im Au-garten zu Wien; von dort hatte er nicht weit zur Pfarrkirche St. Leopold, wo er sich so oft wie möglich dem Gebet widmete. Alle seine Erzieher bezeichnen ihn als einen untadeligen Jungen von großer Selbstbeherrschung, zurückhaltend und bescheiden, uninteressiert an Beziehungen mit Frauen;18 und doch wiederum heiter und fröhlich dem Reisen und gesunden Vergnügungen hingegeben.19 Durch einen Sturz beim Schlittschuhfahren, den ein eifersüchtiger Altersgenosse absichtlich verursacht hatte, zog sich Karl einen schweren Beinbruch zu, dessen Folgen er zeitlebens durch eine bleibende Gehbehinderung spüren sollte. Diese kleine Episode ist für das Verständnis seines Charakters besonders aufschlussreich. Er weigerte sich nicht nur, jemals den Namen des Buben preiszugeben, der ihm diesen schweren Schaden zugefügt hatte; er zeigte auch keinerlei Groll, obwohl er sich einer damals riskanten und schmerzhaften Operation ohne Narkose unterziehen musste.20 Seine Gymnasialstudien absolvierte er im Wiener Schottengymnasium, und anschließend studierte er, gemäß den klaren Anweisungen seines Vaters Otto, juridische und ökonomische Fächer an der Universität Prag.21
Im Jahre 1903 begann Erzherzog Karl, entsprechend den Gepflogenheiten, seine militärische Laufbahn; mit kaum 16 Jahren wurde er Leutnant des 1. Ulanen-Regiments. Zugleich wurde ihm der Orden das Goldene Vlies verliehen. Der hohe religiöse Anspruch dieses Ordens sowie das damit verbundene Privileg, an jedem Ort für sich die hl. Messe feiern lassen zu können, bereitete dem Diener Gottes tiefste Genugtuung.22
Auch was sein Leben als Militär betrifft, ist das Urteil absolut einmütig: Stets war er eifrig und gewissenhaft, aufmerksam seinen Kameraden gegenüber, immer darauf bedacht, sie zufrieden zu stellen ohne je seinen Rang und Dienstgrad geltend zu machen. Er fühlte sich beim Heer ganz in seinem Element und trug seine Uniform fast bis zum Tod, nicht als Zeichen der Machtausübung, sondern des Dienstes am Vaterland. Überaus geschätzt von seinen Kameraden, zu welcher Rasse sie auch gehörten, bekannte er sich stets offen zu seinem Glauben und unterließ nie seine Gebete, das Benedicite und den Angelus.
In diese Zeit fiel auch jene Periode, welche seine Gattin Zita als Verfinsterung weniger Monate bezeichnet. Sie selbst berichtet: Nach seiner Großjährigkeits-Erklärung und mit der vollen Freiheit, die damit verbunden war (eigenes Haus, eigenes Geld, Trennung von der Familie und von allen bisherigen
15 Summ. test. S. 63, § 80, Raffaella Schmalzhofer Holzlechner.
16 Summ. test. S. 786-787, § 958, Teresa Korff Schmising Kerssenbrock.
17 Summ. test. S. 563, § 744, Kaiserin Zita.
18 Summ. test. S. 64, § 81, Raffaella Schmalzhofer Holzlechner.
19 Summ. test. S. 81, Marquise Crescenzia Pallavicini.
20 Summ. test. S. 198-199, Elisabeth Charlotte.
21 Summ. test. S. 87-88, Brief des Erzherzogs Otto.
22 Summ. test. S. 67-68, § 20, Kaiserin Zita.
Stützen), verfiel er in einen Zustand der Lauheit in seinem Vollkommenheitsstreben. Eine große Rolle spielte dabei ein unglücklicher Rat des Erzherzogs Franz Ferdinand. Dieser war nach dem Tod des Vaters sein Vormund geworden und galt als sehr katholisch. Er wollte dem jungen Mann ein paar gute Ratschläge fürs Leben mitgeben und meinte: Hüte dich vor den Frauen; aber wenn du das nicht zusammenbringst, dann mach es so wie ich: Achte auf deine Gesundheit! Da mein Schwiegervater an einer derartigen Krankheit gestorben war, trafen diese Worte den jungen Mann wie ein Schlag. Er begann bei sich zu überlegen: Wenn jemand wie sein Onkel Franz Ferdinand ihm solche Ratschläge erteilen konnte, dann war die Strenge, mit der dieser Punkt bisher immer behandelt wurde, wohl auch vom Glauben her nicht gerechtfertigt; und dass gerade diese Sünde ihm immer als so schwer dargestellt worden war, kam wohl aus der Sorge, auch er könnte, wie sein Vater, Opfer dieser gefährlichen Krankheit werden. Dennoch widerstand er noch ziemlich lange den Überredungsversuchen verschie-dener Regimentskameraden, die ihm auch versicherten, dass da ‚nichts dabei sei. Schließlich wollte er sich im Beichtstuhl über seine Zweifel Klarheit schaffen, die ja auch durch sein jugendliches Alter genährt wurden. Der Priester musste seine Frage missverstanden haben, denn die Antwort wies ihn keineswegs klar auf den rechten Weg. Dennoch dauerte es noch eine Weile, bis ihn eines Tages zwei Kameraden mit einer Frau einsperrten. Und damit begann die „Verfinsterung“, die ein paar Monate dauerte. Der Diener Gottes sagte mir, dass in dieser Zeit nur wenige Verfehlungen vorkamen, da sie ihn immer wieder mit tiefer Reue und mit Abscheu erfüllten.
Nach kurzer Zeit machte er definitiv Schluss mit dieser Lebensweise und bemühte sich von neuem um ein Leben der Tugend. Nachdem mir der Diener Gottes dies erzählt hatte, fragte er mich, ob ich auch nach dieser Eröffnung noch bereit wäre, ihn zu heiraten. Er empfand es als seine Gewissenspflicht, mir vor der Heirat diese seine Verfehlungen zu beichten. Zugleich versprach er mir unverbrüchliche Treue. Vor Abschluss der Ehe erklärte mir der Diener Gottes, er habe vor Gott ausdrücklich geschworen, mir jede Verfehlung innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu bekennen. Dazu fühlte er sich auch durch die unglückliche Ehe seiner Eltern gedrängt, denn er sah die Ursache dieses Unglücks im Mangel an Vertrauen zwischen seinem Vater und seiner Mutter.23
Im Jahre 1913 heiratete er Prinzessin Zita von Bourbon-Parma; gewiss nicht von ungefähr. Beide kannten sich seit Kindertagen, da Karl mit ihren Brüdern befreundet war. Die Trauung hielt Bischof G. Bisleti, der eine von Pius X. eigens für diese Hochzeit verfasste Predigt verlas. Der Papst hatte kurz zuvor die Verlobte in Privataudienz empfangen und für Karl eine Zukunft als Kaiser vorausgesagt. Sie möge sich freuen, denn er sah im Diener Gottes einen Lohn des Himmels an Österreich für all die Treue zum Papst und zur Kirche.24
Gewiss war Karl bezaubert von ihrer wundervollen und zahlreichen Familie. Madre Antonia di Borbone-Parma, Schwester Zitas und Benediktinerin, ist überzeugt, dass der Diener Gottes von unserem schönen Familienleben, von der tief christlichen und so reinen Atmosphäre unseres Hauses bezaubert war.25 Braut und Bräutigam bereiteten sich mit großem Ernst auf die Ehe vor, bewusst, welches große Sakrament sie empfangen würden, und sorgfältig begleitet von P. Karl Maria Andlau, einem berühmten Jesuiten-Prediger, den Karl im Jesuitenkolleg Kalksburg kennen lernen konnte, wohin er von Jugend auf zu fahren pflegte, um Sport zu betreiben.26 P. Andlau übte großen Einfluss auf das Leben des Dieners Gottes aus und war eine Zeit lang auch sein Beichtvater. Es war Karl ganz ernst, als er seiner Braut unerwartet sagte: Jetzt müssen wir uns gegenseitig helfen, in den Himmel zu kommen!27 Voll Vertrauen auf die Hilfe Gottes ließ er in die Trauringe eingravieren: „Sub tuum praesidium confugimus, Sancta Dei Genitrix - Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin“, und in den folgenden Tagen begab sich das junge Paar auf Pilgerfahrt nach Mariazell, wo sie beide ihre eben begonnene Ehe unter den Schutz der Madonna stellten.
Das Familienleben der beiden beschrieb Madre Maria Antonia folgendermaßen: ein konkretes Modell des christlichen Ideals, vollkommene Harmonie der Gedanken und Grundsätze, ohne Geheimnisse, sondern gänzlich offen und ehrlich voreinander; optimistisch waren sie von Natur, und die Gnade Gottes ließ in ihnen ein heroisches Gottvertrauen gedeihen; eine begeisterte Liebe zu Christus, grenzenloses Vertrauen in seine Liebe, bestärkt durch die Verehrung zum heiligsten Herzen Jesu und zur Madonna. Der Diener Gottes war stets der beste Ehemann für seine Frau und ein vorbildlicher Vater für seine Kinder. Sie beteten viel miteinander und waren engagiert in der Erziehung der Kinder. Der Diener Gottes sprach mit seiner Gattin oft über religiöse Fragen und über das
23 Summ. test. S. 63-64, § 18, Kaiserin Zita.
24 Summ. test. S. 568, Kaiserin Zita.
25 Summ. test. S. 893, ad 100, Maria Antonia di Borbone-Parma.
26 Summ. test. S. 171, Gustav Grimm-Szepes Etelvar.
27 Summ. test. S. 70, Kaiserin Zita.
geistliche Leben. Und wenn sie ihm geholfen hat, sich zu öffnen, so hat er ihr auf seine so einfache Weise den Weg der Vollkommenheit gezeigt.28 Gewiss hatte Zita einen starken Einfluss auf das spirituelle Wachstum ihres Gatten, indem sie ihre ebenso starken wie tief verwurzelten katholischen Traditionen in die Familie der Habsburger einbrachte. Auch nach der Heirat setzte Karl seine militärische Karriere fort, und wie es schon bei seinem Vater der Fall war, waren die zahlreichen Versetzungen für die wachsende junge Familie nicht immer angenehm. Karl hatte Gelegenheit, mit Begeisterung am Eucharistischen Kongress 1912 in Wien teilzunehmen, zusammen mit seiner jungen Gattin, die ihm bald darauf das Erste seiner acht geliebten Kinder schenken sollte, von denen das Letzte erst nach seinem Tod das Licht der Welt erblickte.
Nach der Ermordung seines Onkels Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 wurde Karl zum Thronfolger. Doch der Mord von Sarajevo war der Anfang vom Ende: Europa und Österreich waren nicht mehr dasselbe wie vorher, und Karl wurde in einen Wirbel von Ereignissen hineinkatapultiert, in eine der größten Tragödien der neueren Geschichte. Papst Pius X. sandte unmittelbar nach der Ermordung des Erzherzogs in Sarajevo durch einen hohen vatikanischen Beamten an Karl einen Brief, in welchem er ihn bat, Franz Josef die Gefahr eines Krieges vor Augen zu halten, welcher unvorstellbares Unheil über Österreich und ganz Europa bringen würde. Doch der Inhalt war in Kreisen, die den Krieg favorisierten, bekannt geworden, und der Beamte wurde an der Grenze angehalten. Viel später erst erfuhr Karl von dem Sendschreiben, doch da war der Konflikt schon voll im Gange, und es war zu spät, ihm Einhalt zu gebieten.29
Nach Ausbruch des Krieges trat Karl in das oberste Armeekommando unter Erzherzog Friedrich und Feldmarschall Conrad von Hötzendorf ein, um als künftiger Kaiser mit der hohen Militärstrategie vertraut zu werden. Zuvor hatte er im obersten Befehlsstab die theoretischen Grundlagen erworben. Am 10. September kam Erzherzog Karl in Galizien an die Front, doch wurde er durch die feindselige Haltung des Conrad von Hötzendorf aus dem Kommando hinausgedrängt. Da er sich nunmehr vor Ort überflüssig fühlte, erwirkte er den Auftrag, im Namen des Kaisers die Truppen an der vordersten Frontlinie zu besuchen. So lernte er alle Kommandanten an der Front und die Soldaten in den verschiedenen Front-Abschnitten kennen, verlieh verdienten Offizieren Auszeichnungen und lieferte Franz Josef ungeschönte Berichte über die militärische Lage. 1916 hatte Karl das Kommando des XX. Armeekorps (Edelweiß) inne. Sein Einsatz war entscheidend für den Sieg über Rumänien, um den Vormarsch der Russen zu stoppen, während die Offensive an der italienischen Front im Sieg von Folgaria ihren Höhepunkt erreichte. Von seinen militärischen Erfolgen berichtet die Geschichte,30 doch konnte er in keinem Sieg Genugtuung finden: Der Anblick all der Trümmer und der zerfleischten Körper war für ihn, einen Mann des Friedens, absolut unerträglich. Man liest, er sei mitten im Kugelhagel vollkommen ruhig geblieben, den goldenen Rosenkranz in Händen, den er im Stillen betete, den er immer bei sich hatte und den er schon gänzlich abgenützt hatte, sodass ihm die junge Erzherzogin einen neuen verschaffen musste.31 Dieser Rosenkranz war ein Geschenk Pius X.32 Eines Tages stürzte Karl sich in die Fluten des Hochwasser führenden Isonzo und riskierte sein Leben, um einen Untergebenen zu retten.33 Um unnötigen Opfern zuvorzukommen, inspizierte er stets persönlich unter Lebensgefahr die Frontstellungen und versuchte, vergeblich, nach den heftigsten Schlachten kurze Waffenruhe zu erreichen, um die Bergung der Verwundeten zu ermöglichen.
Als Kommandant des Armeekorps war Erzherzog Karl überaus beliebt, da er wie ein Vater um die körperlichen und geistigen Bedürfnisse seiner Untergebenen besorgt war. In diesem Zusammenhang berichtet der Militärkaplan P. Bruno Spitzl von einem Gewaltmarsch beim Rückzug seines Regiments im Val d’Astico nach Arsiero. Karl kümmerte sich fürsorglich um einen älteren Soldaten, der wegen seiner wunden Füße kaum mehr gehen konnte, vom Arzt jedoch als Simulant betrachtet und daher hart angefahren wurde. Karl veranlasste den Arzt, in seiner Gegenwart den Armen zu untersuchen: Dem Arzt war nicht wohl dabei, als er mit eigenen Augen sehen musste, wie übel zugerichtet die Füße des Soldaten waren, und als er vom Thronfolger hören musste: Ich glaube, dass weder Sie noch ich mit solchen Füßen so lange marschiert wären, wie dieser Mann! Lassen Sie ihn sofort ins Lazarett bringen. Ich werde mir berichten lassen.34
28 Summ. test. S. 854-855, Maria Antonia di Borbone-Parma.
29 Summ. test. S. 769, § 936, Saverio di Borbone-Parma.
30 Summ. test. S. 367-369, Dr. Erich Thanner.
31 Summ. test. S. 369, Dr. Erich Thanner.
32 Summ. test. S. 564, § 746, Kaiserin Zita.
33 Summ. test. S. 328, ad 13, Zdenka von Gudenus.
34 Summ. docc. S. 20-21, P. Bruno Rodolfo Spitzl.
P. Spitzl berichtet auch von der Sorgfalt, welche Karl bei seinen Inspektionen bezüglich der geistlichen Betreuung seiner Soldaten an den Tag legte, und wie befriedigt er ihn sah, als er erfuhr, dass man in diesem Regiment religiösen Parade-Funktionen wenig Bedeutung beimaß, jedoch vor allem darauf bedacht war, jeder Abteilung auch im Einsatzgebiet wenigstens einmal im Monat die Mitfeier einer Messe und den Empfang der Sakramente zu ermöglichen.35 Menschlich gesehen erfüllte er perfekt den Ehrenkodex eines guten Offiziers; als Christ jedoch suchte er stets die leiblichen und die geistlichen Werke der Barmherzigkeit für seinen Nächsten zu üben.
Am 21. November 1916, zwei Jahre nach Beginn der Feindseligkeiten, starb sein Großonkel Franz Josef, und Karl wurde Kaiser unter dem Namen Karl I. Kaiserin Zita erinnert sich an diesen denkwürdigen Augenblick: Am 21. November 1916, am Totenbett des Kaisers Franz Josef, übernahm Karl die Herrscherwürde. Es war ein ungemein bewegender Moment: Thronfolger Erzherzog Karl war niedergekniet vor dem Bild der Madonna mit dem geneigten Haupt, den Rosenkranz in der Hand.36 Auf seinen ausdrücklichen Wunsch wurde in die Regierungserklärung zur Thronbesteigung ein Satz eingefügt, der den unbedingten Wunsch des jungen Monarchen nach Frieden ausdrückte.37
Am 30. Dezember desselben Jahres wurde er mit dem Namen Karl IV. als Apostolischer König von Ungarn gekrönt. Seine Frau schreibt über das Ereignis: Für ihn hatte die Krönung eine ganz außerordentliche Bedeutung: Sie war für ihn eine Investitur, welche die Kirche im Namen Gottes vornahm. Alle Pflichten, die der Diener Gottes bei dieser Zeremonie eidlich beschwor, übernahm er in tiefem Glauben und machte sie zu seinem künftigen Lebensprogramm. Bei der Krönung wird das ganze Volk von Gott dem Herrscher anvertraut; von da an hatte er für seine Untertanen zu leben, zu sorgen, zu beten, für sie zu leiden und sich zu heiligen, um sie zu Gott führen zu können. Der Krönungstag war ein großer Augenblick im Leben des Dieners Gottes, von dem an er geradewegs Gott entgegen ging.38
Dieser Punkt ist wahrhaftig wesentlich zum Verständnis der weiteren Entscheidungen des Kaisers: Die Gnade seiner Herrscherwürde war ihm von Gott gegeben; und die Weihe von Seiten der Kirche erschien ihm ganz wesentlich.39 Daher hegte er den Vorsatz, sich auch feierlich zum Kaiser von Österreich salben zu lassen, sobald der Krieg zu Ende wäre. Ein bloß formeller Eid auf eine Verfassung, die er übrigens auch ändern lassen wollte, entsprach in keiner Weise seiner inneren Überzeugung. Er ist Herrscher von Gottes Gnaden, nicht zu seiner persönlichen Ehre, sondern zum Dienst an seinen Völkern und der Kirche Christi. Einem spirituellen Leitsatz des hl. Robert Bellarmin folgend, werde er das Zepter wie das Kreuz tragen.
Wenige Tage nach der Thronbesteigung übernahm Karl automatisch das Oberkommando über seine gesamten Truppen. Auch in dieser Eigenschaft besuchte er häufig die Fronten, begab sich bis zu den vordersten Linien und nahm persönlich an zahlreichen Schlachten teil, wobei er mitten unter den Einschlägen der feindlichen Artillerie exemplarischen Mut und Ruhe an den Tag legte. Doch der Anblick des grausamen Schlachtens brachte ihn in schärfsten Konflikt mit den moralischen und religiösen Grundsätzen, die ihm tief eingeprägt waren. Nur wenige Stunden nach Ende der elften Isonzo-Schlacht sah ihn der Hof-Fotograf Schuhmann im Anblick der verkohlten und verstümmelten Leichen weinen. Dabei sagte er: Kein Mensch kann das vor Gott verantworten. Ich mache einen Punkt, und das so bald wie nur möglich!40 Beim Kaiser Karl wuchs seine Überzeugung, alle nur möglichen diplomatischen Wege beschreiten zu müssen, um zu einem Frieden zu kommen; und dies trotz der deutschen Verbündeten, die ihm Feigheit vorwarfen und die nur einen Frieden kannten: den siegreichen Frieden.
Unterdessen setzte er alle seine Möglichkeiten ein, die Grausamkeit des Krieges wenigstens zu mildern: Er stellte sich entschieden gegen den Einsatz von Giftgas an der Ostfront; er war unerschütterlich in seiner Entscheidung, die italienischen Städte nicht bombardieren zu lassen; er kämpfte gegen den Einsatz von U-Booten, welche feindliche Städte an der Adria beschießen sollten, vor allem Venedig, und dies trotz allen Hohns, des Ärgers und der Vorwürfe von Seiten des deutschen Verbündeten. Für ihn war die Zivilbevölkerung absolut unantastbar. Er ließ vor allem jene Leute, die für den
35 Summ. test. S. 66, P. Bruno Rodolfo Spitzl.
36 Summ. test. S. 533, Kaiserin Zita.
37 Summ. test. S. 369, § 540, Dr. Erich Thanner.
38 Summ. test. S. 533-534, Kaiserin Zita.
39 Summ. test. S. 142, ad 16, Anna Francesca Maria Lamich.
40 Summ. test. S. 371, ad 18, Dr. Erich Thanner.
Ausbruch des Kriegs verantwortlich waren, absetzen oder auf unpolitische und militärisch bedeutungslose Posten versetzen.41
Kaiser Karl übernahm mit Begeisterung die Idee von P. Wilhelm Schmidt, an allen Fronten Soldatenhäuser einzurichten, um die Moral der Soldaten aufrecht zu erhalten. Jeder sollte dort Zutritt haben, sich daheim fühlen, zerstreuen und billig Genuss-mittel einkaufen können. Es gab dort auch einwandfreie Zeitungen und Zeitschriften, Bücher und Spiele. So sollte verhindert werden, dass sich die Soldaten zu ihrem leiblichen und seelischen Schaden mit weniger ersprießlichen Zerstreuungen abgaben. Diese Einrichtung wurde übrigens zum Modell für alle Krieg führenden Staaten. Natürlich wurden nicht alle Initiativen des Kaisers in gleicher Weise akzeptiert. Zum Beispiel fand General Bardoff, den energischen Maßnahmen des Kaisers gegen gewisse „amoralische Usancen“ (Bordelle) im Heer widersprechen zu müssen, da diese in den Augen der höheren Militärs „hygienisch vernünftig“ erschienen.42 Er kümmerte sich persönlich um Verteilung von Rosenkränzen unter den Soldaten, und durch ein Reskript veranlasste er, dass in den Quartieren nicht nur sonn- und feiertags, sondern auch an Wochentagen heilige Messen mit Ansprache gefeiert würden.43
Soweit es ihm möglich war, suchte er das Los der Kriegsgefangenen zu erleichtern und menschlicher zu machen; er nahm Teil an Initiativen des Gefangenenaustauschs zwischen Österreich-Ungarn, Russland und Italien, er überzeugte sich persönlich von der guten Behandlung der Gefangenen in ihren Lagern, unterstützte nach Kräften die Heimkehrenden, widersetzte sich stets der Anwendung von Repressalien gegenüber der verbliebenen Bevölkerung in den feindlichen Ländern.44 Stärksten Widerspruch löste die Abschaffung des Duells aus, offenbar ein sehr verbreiteter und schwer ausrottbarer Brauch. Man muss wissen, daß dem Diener Gottes durch die Ablehnung des Duells der Verlust der bürgerlichen Existenz (Verlust des militärischen oder höfischen Rangs), der Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben, also eine Art Bann drohte. /.../. Auf Grund seines beharrlichen Kampfs gegen das Duell, der schließlich im absoluten Verbot gipfelte, verlor der Diener Gottes in der Tat an Ansehen und Anhängerschaft in einem Teil der Offiziers-Korps. Doch er zog es vor, auch wenn Krieg war, diesen Nachteil auf sich zu nehmen, als das Verharren seiner Offiziere in dieser Sünde unterzubewerten und zu tolerieren.45 In dieselbe Richtung geht die Abschaffung der Strafe des Fesselns,46 d. h. körperlicher Strafen, welche über Soldaten verhängt werden konnten, da Kaiser Karl sie für menschenunwürdig hielt.
In der letzten Zeit des Krieges wurden die Versorgungsschwierigkeiten immer dramatischer: Hunger, Elend und Tod erwiesen sich als die wahren Sieger des Konfliktes. Kaiser Karl unternahm alles, um die Nöte seines Volkes zu teilen und zu lindern: Er organisierte Kriegsküchen, er ließ die Pferde des kaiserlichen Hofs einspannen zum Kohlentransport für Wien, er kämpfte verzweifelt gegen Korruption und Wucher, er gab und schenkte mehr, als es ihm seine Mittel erlaubt hätten. Er selbst und seine Familie lebten mit den amtlichen Kriegsrationen.47 Er verbot den Verzehr von Weißbrot in seiner Familie und ließ es an die Kranken und Verwundeten verteilen und verbannte jegliche Art von Delikatessen aus seinem Haus. Kein Wunder, dass seine Offiziere erklärten, dass die Kost an der Front besser sei als im Haus des Kaisers.48 Er vermied jede ungerechtfertigte Bevorzugung von Verwandten und verpflichtete seinen Bruder Max, der allzu gern in Wien weilte, an die Front zu gehen und wie jeder andere Offizier seine Pflicht zu tun.49 Er verbot die Requirierung von Häusern im Frontgebiet durch Offiziere und gestand ihnen nur die Benützung von Gasthäusern und Hotels zu. Deshalb nannte man ihn auch den Schutzpatron der Wohnungen.50
Karl verstand, dass nur dann der ersehnte äußere Friede erreichbar war, wenn im eigenen Haus Ordnung herrschte. Um dies zu erreichen, traf er soziale Maßnahmen und schöpfte dabei aus der Enzyklika Rerum novarum. Von daher kommen seine Initiativen zur Errichtung eines Ministeriums für Sozialhilfe und eines Gesundheitsministeriums; er trug sich mit der Idee, seine Monarchie in einen Bundesstaat zu verwandeln, wo jede Nation sich in ihrem eigenen Bereich entfalten konnte, und mit
41 Summ. test. S. 466, ad 18, Karl Werkmann von Hohensalzburg.
42 Summ. docc. S. 267.
43 Summ. test. S. 176, § 272, Gustav Grimm-Szepes.
44 Summ. test. S. 636, § 821, Kaiserin Zita.
45 Summ. test. S. 509-510, ad 38, Karl Werkmann von Hohensalzburg.
46 Summ. Test. S. 521, § 702, Karl Werkmann von Hohensalzburg.
47 Summ. test. S. 370, ad 17, Dr. Erich Thanner.
48 Summ. test. S. 173-174, ad 17, Gustav Grimm-Szepes Etelvar.
49 Summ. test. S. 247, Elisabeth Charlotte.
50 Summ. test. S. 635, § 818, Kaiserin Zita.
dem Plan einer Agrarreform für Böhmen und Ungarn; Traf gesetzliche Maßnahmen zu Gunsten der Arbeiterklasse, die beachtliche Verbesserungen brachten, wie die Einführung der Preiskontrolle, um den weniger Bemittelten das Leben zu erleichtern.
Die hohen Ämter sollten ehrenamtlich, also fortan ohne Entgelt, ausgeübt werden und die Apartments für diese hohen Ämter sollten nicht mehr luxuriös ausgestattet werden; er erhöhte die Löhne der Hofangestellten, die Taglöhner wurden fix angestellt und ihre Jahre als Taglöhner für die Pension berechnet.
Unnachsichtig bestrafte er alle jene, die unter Ausnutzung ihrer Position persönliche Vorteile aus den Staatsgeschäften zogen: General Auffenberg, Kriegsminister des Reiches, wurde seines Amtes enthoben und vor ein Ehrengericht zitiert, weil er von den Skoda-Werken eine Provision für die Lieferung neuer Haubitzen genommen hatte.51 Er verbot dem Artillerie-General Erzherzog Leopold Salvator, seine Erfindungen der Artillerie selbst zu verkaufen, und verpflichtete ihn zur Rückgabe aller Einkünfte aus seinem Patent. Er fand es einfach unmoralisch, dass ein reicher Erzherzog Prozente für eine Erfindung annahm, deren Anwendung für die gesamte österreichische Artillerie er selbst regelte.52 Dasselbe widerfuhr einem anderen reichen Erzherzog, der gute Geschäfte machte mit dem Verkauf von Trockengemüse an das Heer. Es wurde ihm lediglich der normale Gewinn eines Agrarunternehmens zugestanden. Der Diener Gottes verabscheute es, aus dem Hunger des Mitmenschen Profit zu schlagen.53
Kaiser Karl arbeitete neue Jugendschutz-Gesetze aus sowie Gesetze gegen Schund-Literatur, er verhinderte einen Pressetrust unter dem führenden Freimaurer Dr. Sieghart, er schlug dem Episkopat, leider vergebens, die Errichtung von Notkirchen in den überbevölkerten Wiener Arbeitervierteln sowie die Abhaltung von Volksmissionen in der gesamten Monarchie vor.54
In seinem unermüdlichen Streben nach Frieden und Gerechtigkeit erließ er am 2. Juli 1917 eine Generalamnestie, um die vielfachen Ungerechtigkeiten gut zu machen, die durch Strafen der Militärgerichte entstanden waren, wie zum Beispiel: Ein Bauer in Galizien wurde des Hochverrats beschuldigt, weil er für den Zar gebetet hatte; dasselbe Los erlitt eine Tänzerin, die einem Offizier, der sie angepöbelt hatte, unhöflich antwortete.55 Die Gattin Zita hatte es vorausgesehen: All dies brachte Kaiser Karl Feindseligkeit und Verleumdungen ein.
Er war sich dieser Konsequenzen wohl bewusst und meinte, er habe nie mit Dankbarkeit gerechnet, ihm läge allein an Gerechtigkeit und Versöhnung der Völker. Es genügte ihm zu wissen, dass er vor Gott und dem Nächsten seine Pflicht getan habe;56 und das Recht, Gnade zu üben, sei das schönste Privileg der Krone. Das geistliche Leben wuchs und vertiefte sich, je mehr er Tag für Tag gegen Enttäuschungen, Misserfolge und Verleumdungen zu kämpfen hatte. Wie es Regierenden häufig widerfährt, wurden erst recht gegen Kaiser Karl niedrige und gemeine Verleumdungen ausgestreut, speziell von Gruppen und Organisationen, die ihn schon deswegen ablehnten, weil er der katholischste und romtreueste Herrscher ganz Europas war.
Im Verlauf des Seligsprechungsprozesses wurden die Hintergründe dieser Verleumdungen eingehend geprüft, und am 13. Oktober 1977 erklärte der Subsekretär der Kongregation für Heilig- und Seligsprechungen Mons. Amato Pietro Frutaz: Die mit Absicht in Umlauf gebrachten Verleumdungen, um die Ehre des Kaisers zu treffen und ihn beim Volk zu diskreditieren, empfand der Diener Gottes sehr schmerzlich, gerade weil sie ohne jegliches Fundament waren. Die schwersten Verleumdungen waren: Liebschaften, Trunkenheit, unglückliche Ehe und deshalb Untreue. Die „Erinnerungen“ einer Frau Lauffer, einer unglückseligen, aggressiven und verlogenen Prostituierten, die vom Tribunal als „suspekt und unglaubwürdig“ beurteilt wurde, sind nichts anderes als eine Anhäufung von Behauptungen und Obszönitäten, die jeglichen Fundamentes entbehren /.../ und in erpresserischer Geldgier geschrieben wurden. Die Befragung von Zeugen, die das öffentliche und private Leben des Dieners Gottes kannten, beim Ordentlichen Verfahren von Wien hat Licht in das erwähnte Gerede gebracht. Die Aussagen sind äußerst klar und beweiskräftig. /.../. Alle dem Diener Gottes angedichteten Verleumdungen erweisen sich als völlig haltlos und stehen in deutlichem Kontrast zur gesamten Lebenseinstellung, wie sie von 71 Texten beschrieben wird.57 Als wie treffend erweisen sich in diesem
51 Summ. test. S. 189, § 293, Gustav Grimm-Szepes Etelvar.
52 Summ. test. S. 524, § 706, Karl Werkmann von Hohensalzburg.
53 Summ. test. S. 247-248, Elisabeth Charlotte.
54 Summ. test. S. 403, ad 51, P. Guglielmo Schmidt.
55 Summ. test. S. 203, Elisabeth Charlotte.
56 Summ. test. S. 656-657, § 846, Kaiserin Zita.
57 Summ. test. add. S. 125-126, Mons. Amato Pietro Frutaz.
Fall die Worte des Matthäusevangeliums: Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. (Mt 5,11-12)
Enttäuschungen fehlten auch nicht im familiären Umkreis. Immer wieder suchte Karl, so gut wie möglich Zwistigkeiten zu bereinigen oder zu vermeiden, wie im Fall der Erbschaftsfrage zwischen ihm und seinem Bruder Max. Sie wurde, um des Friedens willen, nicht gelöst bis zum Tod des Kaisers, obwohl er dadurch schwerste materielle Einschränkungen hinnehmen musste.58 Ein ähnlicher Fall war das Vermächtnis, das sein Vormund Franz Ferdinand ihn als unerfahrenen Minderjährigen zu Gunsten seiner eigenen Söhne unterschreiben ließ. Auch in diesem Fall stand er zu seiner Unterschrift, obwohl sie nicht rechtens geleistet wurde.59 Die Kraft, all diese Prüfungen zu ertragen, kam ihm vom unablässigen Gebet, von der ständigen Vereinigung mit Gott, die er durch die tägliche Mitfeier der hl. Messe, die eucharistische Anbetung und die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu nährte und lebendig hielt. Er beichtete regelmäßig alle acht Tage, nahm die Heiligung des Sonntags und die Fasttage sehr ernst; er liebte die Psalmen, von denen er täglich zwei betete: das Miserere und den Psalm 90.60
Ganz besonders verehrte er die Muttergottes, betete häufig den Rosenkranz, auch in der Familie; er trug in Ehrfurcht das Skapulier nach dem Brauch der Bruderschaft, der er angehörte und die auch alle seine Kinder aufnahm. Die Kinder trugen zu Ehren Mariens den Beinamen Maria, und bis zum Alter von drei Jahren durften sie nur Kleider mit den Farben der Madonna tragen, der sie geweiht waren.61 An die Wiege seiner Kinder hängte er eine Medaille der Muttergottes.62 Oft meditierte er, allein in seiner Hauskapelle, die Kreuzwegstationen.63 Vor jeder wichtigen Entscheidung zog sich der Diener Gottes allein in die Kapelle zurück, um seine Entscheidung vor dem Allerheiligsten zu erwägen und darüber zu beten, wie er zu sagen pflegte.64 Er hegte auch eine tiefe Verehrung zum Hl. Geist. Während der Friedensverhandlungen betete er täglich nach der hl. Messe das Veni Creator. Und nach dem Friedensschluss behielt er den schönen Brauch bei, weil er überzeugt war, dass die Welt nun mehr denn je Erleuchtung von oben nötig hätte.65 Am 2. Oktober 1918, zur Erstkommunion seines Sohnes Otto, weihte er die ganze Familie dem Heiligsten Herzen Jesu und schloss dabei alle Nationen der Monarchie ein. Das Weihegebet zum Herzen Jesu wurde jeden ersten Freitag des Monats in der Familienkapelle gebetet; die Herz-Jesu-Litanei und das Brevier des Herzens Jesu waren seine Lieblingsgebete.66 Das Fronleichnamsfest wurde jedes Mal festlich gefeiert. Darum nannte ihn Bischof Fischer-Colbry auch den eucharistischen Kaiser.67 Seine spezielle Verehrung galt dem hl. Michael, den er zum Patron des kaiserlichen Heeres erwählte; seine Kinder lernten das tägliche Schutzengel-Gebet. Groß war auch seine Verehrung des hl. Josef, sodass dem Namen seiner Kinder außer dem Namen Maria auch der Name Josef beigefügt wurde.
Eifrig bemüht war er um die Seligsprechung von P. Marco d’Aviano. Auch verehrte er Bruder Konrad von Parzham, der damals bereits heilig gesprochen war, und trug bis zu seiner Todeskrankheit eine Reliquie von ihm bei sich. Auch der heilige Pfarrer Maaß von Fließ in Tirol und natürlich die Schutzheiligen seiner Länder sowie der hl. Karl Borromäus genossen seine besondere Verehrung.68 Nie begann er ein Mahl ohne Tischgebet, und wo immer er sich auch befand, betete er zu Mittag den Angelus. Er schätzte die Ablässe und bemühte sich, sie zu gewinnen. Den Portiuncula-Ablass zum Beispiel gewann er eifrig und freudig Jahr für Jahr. Hoch in Ehren hielt er sein Sterbekreuz, das mit Ablässen in der Todesstunde versehen war und das er stets bei sich trug.69 Stets bekannte er seinen Glauben in aller Öffentlichkeit, ohne ihn je aus Opportunität oder Konvenienz zu verbergen. Selbstverständlich nahm er an der Fronleichnamsprozession teil, nannte den Namen Gottes in
58 Summ. test. S. 232, Elisabeth Charlotte.
59 Summ. test. S. 248, Elisabeth Charlotte.
60 Summ. test. S. 567, § 748, Kaiserin Zita.
61 Summ. test. p. 148, § 226, Anna Francesca Lamich.
62 Summ. test. S. 214, Elisabeth Charlotte.
63 Summ. test. S. 511, ad 41, Karl Werkmann von Hohensalzburg.
64 Summ. test. S. 558, § 740, Kaiserin Zita.
65 Summ. test. S. 555, Kaiserin Zita.
66 Summ. test. S. 556.
67 Summ. test. S. 556.
68 Summ. test. S. 566-567.
69 Summ. test. S. 579, § 49.
seinen Schriften, betete für die Be-endigung des Schismas in Böhmen und betrachtete es als Skan-dal, dass Österreich keine große katholische Zeitung besaß.
Seine Rechtschaffenheit kannte keine Kompromisse. Bezeichnend ist eine Episode, die Elisabeth Charlotte berichtet: Die deutsche Regierung hatte einen Plan ausgeheckt, durch den man Russland und Italien zu Fall bringen konnte: In einem plombierten Wagon sollten gewisse führende Kommunisten, die sich im Ausland befanden, durch Deutschland nach Russland und nach Italien zu eingeschleust werden. Wenn ich mich nicht irre, handelte es sich bei Russland um Lenin und Trotzki; wer für Italien bestimmt war, weiß ich nicht mehr. Sie sollten jedenfalls in ihrem Land die Revolution entfachen. Damit wären die Fronten von selbst zusammengebrochen. Der Diener Gottes widersetzte sich aufs Entschiedenste aus zwei Gründen: Vor allem, weil der Kommunismus die Religion bekämpft; dann aber auch aus Klugheit, weil eine politische Ideologie nicht vor Grenzen halt macht. Diese Weigerung meines Vaters hat dazu geführt, dass kein Kommunist nach Italien geschmuggelt werden konnte; doch dass Deutschland nun einen Lenin in Russland hinter seinem Rücken hatte, dafür war Österreich nicht verantwortlich.70 Nicht ohne Grund bemerkte also Clemenceau: Der Kaiser Karl ist wie ein Papst in Mitteleuropa.71
Seine Loyalität und sein kindlicher Gehorsam gegenüber der Kirche Christi hatten nicht ihresgleichen. Immer bereit, die Kirche zu verteidigen und zu unterstützen, akzeptierte er wie ein guter Sohn freudig die Abschaffung des Vetorechts bei der Papstwahl und verzichtete er für immer auf das Recht, in verschiedenen Diözesen Bischöfe zu präsentieren oder zu ernennen, mit dem einzigen Ziel, die Interessen des Papstes zu wahren, auch auf Kosten seiner eigenen kaiserlichen Privilegien.72
Durch seine Liebe zur Kirche Christi machte er sich das mächtige Freimaurertum Frankreichs zum Feind, das auch in Österreich Anhänger in den höchsten Positionen hatte: Minister, Bankiers, Presseleute. Die Absetzung des als hoher Freimaurer bekannten Dr. Sieghart als Direktor einer einflussreichen Bank bewirkte auch in Frankreich Aufregung. Seit damals kamen immer wieder heftige Attacken von Seiten der Freimaurerei, die seit 1915 ihren Plan zur Aufteilung des Imperiums hatte.73 Er gestattete es nicht, dass jemand in seiner Gegenwart negativ über den Papst oder den Vatikan sprach. Benedikt XV. nannte ihn seinen liebsten Sohn, und, so erinnert sich die Tochter Elisabeth Charlotte, es war aus Liebe zum Papst, dass er sofort auf die Friedensaufrufe des Heiligen Vaters reagierte, und er war das einzige Staatsoberhaupt, das auf die Friedensbotschaft des Hl. Vaters vom 24. Dezember 1916 antwortete. Und als Benedikt XV. ein Gebet um den Frieden anordnete, ließ er dieses sogleich drucken. Die Blätter lagen überall in unserer Kapelle. Und als nach einem Monat der Hauskaplan diese Gebete nicht mehr betete, bat ihn mein Vater, er möge sie doch weiterhin beten. Zuerst wollte der Kaplan sie deshalb nicht beten, weil er meinte, der Hl. Vater ließe sie nur beten, um Italien eine Niederlage gegen Österreich zu ersparen. Auf das weitere Drängen meines Vaters war der Kirchenmann etwas indigniert, aber er betete sie schließlich doch. /.../. Bei den Friedensbemühungen des Dieners Gottes gemeinsam mit dem Hl. Vater gab es große Schwierigkeiten durch den Wiener Nuntius, damals Valfré di Bonzo, der viele Dinge nicht verstand und ins Gegenteil verkehrte. Anlässlich eines Besuchs in München sprach mein Vater mehrere Stunden mit dem Nuntius Pacelli und ersuchte daraufhin um die Entsendung des Erzbischofs Pacelli als Nuntius nach Wien. Er bemerkte auch meiner Mutter gegenüber, wenn das für Wien Wirklichkeit würde, „würden wir beide gemeinsam einen Frieden zustande bringen“.74
Friede, das war das drängende Anliegen Benedikts XV., und Friede war das einzige Bestreben, das Karl kannte. Um die-ses Ziel zu erreichen, versuchte er alle nur möglichen Wege bis zum Versuch eines Separat-Friedens mit Frankreich, der durch die Intrigen seines eigenen Außenministers Graf Ottokar Czernin sabotiert wurde.
Unter dem einzigen uns interessierenden Aspekt, nämlich dem christlichen Verhalten des Dieners Gottes in jeglicher Situation, versuchen wir die in der Positio dokumentierten Gründe darzulegen, die in der so genannten Sixtus-Affäre zur Unterzeichnung eines falschen Ehrenwortes führten. Dr. Friedrich Funder war unmittelbarer Augenzeuge der Ereignisse und berichtet von einem Besuch des Ex-Außenministers in seinem Büro: Unser Gespräch bewegte sich selbstverständlich um den kritischen Punkt, wie es möglich war, dass der Kaiser einen abschwächenden Text herausgeben konnte, der anders lautete als der an Sixtus gesandte Brief, und den schließlich Clemenceau bezüglich der Rückgabe von Elsass-Lothringen wörtlich zitierte. Damit habe er den französischen Staatsmann zum
70 Summ. test. S. 221-222, Elisabeth Charlotte.
71 Summ. test. S. 455, ad 53, SAI e R. Robert Arciduca d´Austria.
72 Summ. test. S. 244, § 363, Elisabeth Charlotte.
73 Summ. test. S. 222-224.
74 Summ. test. S. 215-216, Elisabeth Charlotte.
unversöhnlichen Feind Österreichs gemacht. Kaiser Karl musste nämlich den neuen Text, den Ottokar Czernin erhalten hatte, schriftlich beglaubigen. Man fragte sich, wie dies möglich gewesen wäre angesichts der offenkundigen Tatsache, dass der von Clemenceau zitierte Text authentisch war. Und da erfuhr ich die erschreckende Wahrheit. Während unseres Gesprächs wurde Czernin immer erregter und sprang schließlich auf: „Es ging um mein Leben und um die Ehre meiner Familie“, schrie er, „ich fand den Kaiser auf einem Di-wan hingestreckt, einen Beutel auf dem Kopf. Er war erschöpft und vollkommen fertig. Ich sagte ihm: Entweder unterschreiben Sie die Erklärung oder ich erschieße mich!“ Da unterschrieb er. „Aber wie konnten Sie das tun, gegen alle Wahrheit?!“ schrie ich entsetzt. Mit einem Mal war das Gespräch zu Ende und fand nie mehr eine Fortsetzung.75
Der Generalrelator, P. Ambrosius Esser, argumentierte dazu folgendermaßen: Abgesehen von allen denkbaren „reservationes mentales“ befand sich der Diener Gottes in einem wirklich unlösbaren „casus complexus“ und litt überdies an einer akuten Herzattacke. Wie alle guten Katholiken von damals glaubte auch er, dass die Seele eines Selbstmörders direkt in die Hölle komme. Und in seiner Erregung war Graf Czernin tatsächlich dazu imstande, die Drohung des Selbstmordes wahr zu machen. Wäre dies der Fall gewesen, hätte sich der Kaiser sein Leben lang vorwerfen müssen, die ewige Verdammnis einer Seele verursacht zu haben, und er wäre auch beschuldigt worden, den Verzweiflungsakt seines Außenministers verschuldet zu haben. Gewiss war die Wahl Czernins als Minister die unglücklichste Wahl, die der jun-ge Monarch getroffen hatte, doch er fühlte sich verpflichtet, dem Rat des ermordeten Onkels zu folgen. Und man konnte nicht voraussehen, dass Czernin zum blinden Werkzeug Ludendorffs, der „schwarzen Seele“ des deutschen Generalstabs, werden würde.76 In seinen angestrengten Bemühungen um den Frieden musste Kaiser Karl auch hinnehmen, als schwach und feige beschrieben zu werden. Denn seine hartnäckigen Bemühungen wurden auch als Verrat gegenüber dem deutschen Verbündeten gesehen, der nur einen „siegreichen Frieden“ kannte. 77 Schließlich heißt es: Sein edles Bemühen musste Schiffbruch erleiden, teils wegen der Unfähigkeit und teils wegen der Gewissenlosigkeit der Diplomaten auf beiden Seiten, so dass der radikal links stehende Franzose Anatole France mit Recht schreiben konnte: „Kaiser Karl war der einzige anständige Mensch, der in diesem Krieg auf einem führenden Posten aufgetaucht ist. Doch man hörte nicht auf ihn. Er wünschte ehrlich den Frieden, und deshalb wurde er von der ganzen Welt verachtet. So wurde eine einmalige Gelegenheit verscherzt“.78
Die Niederlage des Dieners Gottes Kaiser Karl war der Sieg jener, so erklärt Francois Fejtö, die von einem totalen Sieg besessen waren /.../. Im Lauf des Krieges, der mehr als einmal an toten Punkten stecken blieb, die man normalerweise nur durch Verhandlungen und Kompromisse überwindet, tauchte eine völlig neue Idee auf: die Idee des totalen Sieges, koste es, was es wolle. Es ging nicht mehr darum, den Feind zum Rückzug zu zwingen, sondern darum, ihm unheilbare Wunden zuzufügen; nicht mehr darum, ihn nur zu demütigen, sondern ihn zu vernichten. Dieser Begriff des totalen Sieges verurteilte von vornherein jedes vernünftige Bemühen, sinnloses Massaker durch einen Kompromiss zu beenden. Der Krieg wandelte sich nicht nur quantitativ, sondern, um einen hegelianischen Begriff zu gebrauchen, auch „qualitativ“. Die Idee entsprang nicht nur der Erbitterung der Militärführer angesichts des Versagens oder der Lähmung von Schlachten, die sie für entscheidend gehalten hatten. Sie entsprang auch nicht den Kabinetten der Diplomaten. Sie schien sich aus den Tie-fen der Massen zu erheben. Es handelte sich um einen quasi mystischen Akzent, um eine Ideologie, die darin bestand, den Feind zu dämonisieren, aus einem Machtkampf einen metaphysischen Kampf, einen Kampf zwischen Gut und Böse, einen Kreuzzug zu machen.79 Wir können mit dem Psalmisten sagen: Wenn die Grundfesten wanken, was kann da der Gerechte noch tun? (Psalm 11,3). So gelangte man, trotz aller Bemühungen Karls, nur mit Waffengewalt zum Frieden.
1918 war das Jahr der Kapitulation. Am Piave, an der Marne, in Amiens, in Vittorio Veneto, überall war das Schicksal Deutschlands und des Österreichisch-Ungarischen Imperiums besiegelt. Wilson verkündete seine „14 Punkte“ zur Erhaltung des Weltfriedens. Rumänien unterzeichnete einen Friedensvertrag mit der Entente, Bulgarien ergab sich, die Tschechoslowakei und Polen erklärten ihre Unabhängigkeit, die Türkei unterschrieb einen Waffenstillstand, der deutsche Kaiser dankte ab und ermöglichte das Entstehen der schwachen Weimarer Republik. In diesem dramatischen Augenblick ist der Kaiser allein, vogelfrei für jedermann. Im Schloss Schönbrunn gab es nicht einmal mehr eine
75 Summ. test. S. 699.
76 Relatio et vota dei Consultori storici, S. 83.
77 Summ. test. S. 144, ad 20, Anna Francesca Lamich.
78 Summ. test. S. 272-273, § 403, Ing. Ermanno Büeler de Florin.
79 F. FEJTÖ, Requiem per un impero defunto. Milano 1990.
Wachmannschaft. Bloß eine Gruppe junger Kadetten hatte freiwillig den Dienst als Wache übernommen.80 Die regulären Truppen standen noch an der Front, sodass er, selbst wenn er es gewollt hätte, den wachsenden, von gewissenlosen politischen Individuen gelenkten Tumulten auf der Straße nichts entgegensetzen konnte.81
Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden und unter dem Druck seiner Minister unterschrieb der Kaiser am 11. November 1918 folgendes Manifest: Stets erfüllt von unwandelbarer Liebe zu allen meinen Völkern, will ich ihre freie Entfaltung nicht behindern. Ich anerkenne im Vorhinein, was Deutsch-Österreich in Bezug auf die Wahl seiner künftigen Staatsform entscheiden wird. Das Volk hat durch seine Vertreter die Macht übernommen. Ich verzichte auf jegliche Teilnahme an der Regierung des Staates. Zugleich entbinde ich meine Österreichische Regierung von ihrem Mandat.82 Graf Ottokar Czernin hält Folgendes fest: Beim Zusammenbruch der Monarchie hat der Diener Gottes, wie in allen anderen Situationen, ein bewundernswertes Verhalten an den Tag gelegt. Er verzichtete nicht auf den Thron, denn nach seinem Standpunkt war ihm das Herrschertum von Gottes Gnaden als eine Pflicht auferlegt, der er sich nicht entziehen durfte. Er verzichtete vorübergehend auf die Ausübung seiner Herrschafts-rechte und akzeptierte alles, was ihn damals traf, als den Willen Gottes. Der einzige Wunsch des Dieners Gottes war es, auch in dieser Situation jedes Blutvergießen zu vermeiden. Er war durchdrungen vom christlichen Prinzip der Nächstenliebe. Darum konnte er nur so und nicht anders handeln. 83
Am folgenden Tag, dem 12. November 1918, wurde die Republik und der Sturz der Monarchie ausgerufen, die dem Kaiserhaus gehörenden Güter wurden konfisziert, und am selben Abend musste Karl Wien verlassen und sich mit seiner gesamten Familie in sein Jagdschloss Eckartsau begeben. Doch bevor er Schönbrunn verließ, machte er einen Abschiedsbesuch beim Allerheiligsten Sakra-ment.84 Unterdessen griff die Revolution in Ungarn um sich, und der Premierminister Tisza wurde von den Aufständischen ermordet. In Eckartsau erwartete ihn eine schwierige und demütigende Zeit: Behandelt wie irgendein Gefangener, Tag und Nacht scharf bewacht von einem englischen Oberst (unter anderem auch, um der Familie Habsburg das Schicksal der Romanovs in Russland zu ersparen), beobachtet von den Roten Garden, die oft die Lieferungen der Lebensmittel behinderten, erkrankte Karl bis zum Frühjahr 1919.85
Auch in dieser Situation betete der Diener Gottes weiterhin jeden Abend das Te Deum und ließ es auch am 31. Dezember 1918 singen als Danksagung für alles, was das zu Ende gehende Jahr gebracht hatte. Man hatte ihm vorgeschlagen, das Te Deum diesmal entfallen zu lassen, doch er gab zur Antwort, dass es in diesem Jahr viel Gnade gegeben habe, für die man danken musste. Er erklärte, dass ihm gerade in diesem Jahr der liebe Gott besondere Zeichen seiner Güte geschenkt, ja ihn geradezu damit überhäuft habe. Das Jahr war hart, gewiss, aber es hätte noch viel tragischer sein können. Und wenn wir aus der Hand Gottes dankbar das Gute annehmen, so müssten wir umso mehr mit derselben Dankbarkeit auch das Schmerzliche annehmen, und außerdem habe dieses Jahr das Ende des internationalen Gemetzels gebracht.86 Nie zeigte er sich unruhig oder erregt; im Gegenteil, er war froh, nun endlich mehr Zeit für Frau und Kinder zu haben.
Zu dieser Zeit kamen ständig Ersuchen und inständige Bitten, er möge doch abdanken; doch nichts konnte ihn von seiner Entscheidung abbringen. Als sein Bruder Max und andere drei Erzherzoge sich zu ihm begaben, um ihn zu überreden, durch die Abdankung eine Konfiszierung der Güter zu vermeiden, antwortete der Diener Gottes bloß, dass die Krone nicht um Geld verkäuflich sei.87 Angesichts der entschiedenen Weigerung des Dieners Gottes abzudanken, verwies ihn schließlich die deutsch-österreichische Regierung des Landes, nachdem die Schweiz ihre Bereitschaft zur Gewährung des Asyls zugesagt hatte.
Am 23. März 1919 übersiedelte die kaiserliche Familie in die Schweiz, und am 3. April 1919 erklärte die deutsch-österreichische Nationalversammlung seine Ausweisung und die Konfiszierung aller Güter, auch der persönlichen Güter des Kaisers und seiner gesamten Familie. Aus mehreren Zeugenaussagen geht hervor, dass während des Schweizer Exils mehr als einmal hochgradige Exponenten
Summ. test. S. 490-491, §§ 673-674, Karl Werkmann von Hohen-salzburg, S. 204-205, ad 27, Elisabeth Charlotte. 86 Summ. test. S. 602-603, § 784, Kaiserin Zita. 87 Summ. test. S. 204, Elisabeth Charlotte.
der Freimaurer Kaiser Karl angeboten hat-ten, sich für die Wiedergewinnung des Thrones einzusetzen, der ihm übrigens nicht ohne ihren Einfluss weggenommen worden sei, unter der Bedingung einer freieren Ehegesetzgebung, einer freien Schule und der Zulassung der Freimaurer in Österreich.88 Die Antwort des Dieners Gottes auf derartige Angebote war wahrhaft exemplarisch: Was ich von Gott empfangen habe, kann ich nicht aus der Hand des Teufels annehmen.89 Als Apostolischer König von Ungarn fühlte sich der Diener Gottes stets verpflichtet alles zu unternehmen, was diesem Land wieder auf die Beine helfen konnte. Damals bewegte ihn besonders der Wunsch des Papstes Benedikt XV., der ihn bat, nach Ungarn zurückzukehren, um dort ein Bollwerk für die heilige Kirche zu errichten.90
Diese Worte Zitas, bestätigt vom letzten Kabinett-Chef, dem Ungarn Dr. Alàdar von Boroviczény,91 geben Einblick in die tieferen Gründe, die den Diener Gottes zu den zweimaligen fehlgeschlagenen Restaurationsversuchen veranlassten. Der erste, begonnen am 24. März 1921, schlug nach 12 Tagen fehl. Der König war plötzlich abgereist, um einen Bürgerkrieg und das Eingreifen ausländischer Mächte zu vermeiden.
Zurückgekehrt in die Schweiz wurde seine Überwachung verschärft mit der Verpflichtung, eine eventuelle Ausreise aus der Schweiz den Behörden mitzuteilen. So sollte ein neuerlicher Restaurationsversuch in Ungarn verhindert werden, wo Karl übrigens noch offiziell als König anerkannt war, auch vom Generalleutnant Admiral Horthy, der damals die Regentschaft innehatte.
Auch in der Zeit seines Exils unterließ er es nicht, mit großer Liebe die Marienwallfahrtsorte zu besuchen. In Maria Einsiedeln erbaute er die Mönche durch seine Ehrfurcht vor dem Gnadenbild. Und trotz aller Geldknappheit hinterließ er als Geschenk einen kostbaren Ring mit einer seltenen schwarzen Perle, die dann in die Krone der Madonna eingesetzt wurde.92 Die tägliche Kommunion war für ihn unverzichtbar. War es zu Hause nicht möglich, suchte er die Gelegenheit hiezu in einer Kirche unterwegs. Gemeinsam mit den Kindern betete er täglich den Angelus, und er empfand es schmerzlich, als er bei einem Aufenthalt im protestantischen Kanton Vaud das Angelus-Läuten nicht hören konnte.93
Neuerlich drängten Politiker verschiedener Staaten, die auf die katastrophale Situation in Ungarn hinwiesen, durch die sie ein Erstarken Deutschlands auf Kosten des aufgelösten österreichischungarischen Reiches befürchteten, auf eine Restauration in Ungarn. Dazu kam die Verpflichtung des ungarischen Königs, unter Strafe der Absetzung sich wenigstens einmal im Jahr eine bestimmte Zeit im Reich des hl. Stephanus aufzuhalten. Vor allem aber drängten ihn die wachsenden Besorgnisse des Hl. Vaters, der nun schon eine Sowjetisierung Europas befürchtete.94 So unternahm Karl im Oktober 1921 einen letzten Restaurationsversuch in Ungarn, der ebenfalls fehlschlagen sollte. Über die Angemessenheit dieses auch an Menschenleben verlustreichen Versuchs urteilt einer der historischen Konsultoren: Der Diener Gottes war gegen seinen Willen in der Schweiz und dort eigentlich nur geduldet; sein Reich befand sich in einer chaotischen Situation. Er spürte, dass die letzte Gelegenheit für seinen Auftrag gekommen war: in seinen Augen eine unter Eid von Gott empfangene Aufgabe, von der viele erwarteten, dass er sie erfülle. Es waren also vorwiegend moralische Motive, daß er so und nicht anders handelte. Freilich bleibt es klärungsbedürftig, ob diese neuerliche Rückkehr klug gewesen ist. Die Beurteilungen (auch der Militärexperten) sind sich einig, daß es der letztmögliche Augenblick war.95
Auch während der Zugfahrt nach Ungarn wollte der Diener Gottes nicht auf die Stärkung durch die hl. Kommunion verzichten und bat den hochw. Herrn David in Bia Torbagy, die Messe an den Gleisen zu zelebrieren und am folgenden Tag in einer Remise beim Bahnhof.96 Vier Tage nach dem fehlgeschlagenen zweiten Restaurationsversuch wurde der Diener Gottes verhaftet und als Gefangener zur Abtei Tihany gebracht, getrennt von seinem Gefolge und strengstens bewacht. Dort wurden ihm die hl. Messe und der Empfang der hl. Kommunion verweigert, sogar an einem hohen Feiertag. Diese Behandlung von Seiten Horthys wurde, auch in antimonarchistischen Kreisen, aufs Schärfste kriti-siert.97 Ständig gedrängt abzudanken, antwortete er beharrlich mit einer klaren Weigerung. Schließlich
88 Summ. test. S. 133, § 202, Sr. Giuseppe del Povero Bambino Gesu.
89 Summ. test. S. 145, § 221, Anna Francesca Lamich.
90 Summ. test. S. 545, § 730, Kaiserin Zita.
91 Summ. test. S. 397-398, § 572, Dr. Aladár de Boroviczény.
92 Summ. test. S. 444-445, Emilia Gehrig.
93 Summ. test. S. 555, Kaiserin Zita.
94 Summ. test. S. 1079.
95 Relatio et vota Consultori storici, S. 46.
96 Summ. test. S. 560, Kaiserin Zita.
97 Summ. test. S. 179, Gustav Grimm-Szepes Etelvar.
wollte Horthy sich an den Kardinal-Primas von Ungarn, den Erzbischof Johannes Csernoch, wenden, um die freiwillige Abdankung zu erreichen, sodass die Absetzung des Königs weniger absurd und illegal erscheinen konnte. Doch der königstreue Kardinal antwortete: Ich habe den König gekrönt. Ich kann nun nicht den Auftrag übernehmen, ihn zu einem Verzicht auf den Thron zu bewegen!98 Am 20. Oktober 1921 kam es zu einer Begegnung mit dem Kardinal: Der Kardinal war tief beeindruckt von der Audienz beim Königspaar. Der König war ergraut, die Königin abgemagert, müde und niedergeschlagen. Beide sprachen ruhig und sehr besonnen. Ihr Glaube war unerschütterlich. Und sie waren tief überzeugt vom Erfolg ihrer Sache.99 Der Primas berichtete der Bischofskonferenz, er habe dem König die Schwierigkeit der Lage und die Gefahr eines militärischen Eingreifens fremder Mächte klar dargestellt.
Der König habe seine Sicht erklärt: Er habe auf die Krone geschworen und empfinde es daher als eine schwere Pflicht, die Krone des hl. Stephanus zu verteidigen. Daher sei er bereit, die schwere Prüfung des Schicksals anzunehmen „und bewusst, mit gläubigem und festem Sinn, den Berg Kalvaria zu besteigen.“ Er erklärte dem Kardinal, dass er keineswegs abgedankt habe, und der Primas stimmte zu, denn eine freiwillige Abdankung wäre fataler gewesen als seine gewaltsame Entthronung.100 Unterdessen schrieb er besorgt an seine Kinder, die in die Burg Wartegg verbracht worden waren, sie mögen nicht den Mut verlieren und noch inniger vor dem Tabernakel beten.101
Nach den äußerst schweren und demütigenden Tagen in der Abtei Tihany wurde das Kaiserpaar am 1. November 1921 den Engländern übergeben und auf ein Donauschiff verbracht, in Richtung auf ein unbekanntes Ziel. Noch vor der Abfahrt erhielt Kaiser Karl vom Nuntius den Apostolischen Segen, zugleich mit ermutigenden Worten, die ihm der Papst noch mitgeben wollte. Der britische Schiffskommandant bemerkte über das Verhalten des Dieners Gottes in dieser Situation: Er erwies sich als frommer Katholik und gab das erhabenste Beispiel von Mut und Würde im Unglück, das mir je zuteil wurde.102
Kaiserin Zita erzählt von dieser schmerzvollen Reise: Nach mehrmaligen Wechseln des Schiffes, nach der Durchfahrt durch Konstantinopel, die Dardanellen, die griechischen Inseln zur afrikanischen Küste hin ging es weiter nach Gibraltar, wo wir endlich das Ziel der Reise erfuhren. Die Einrichtung auf diesem kleinen Kriegsschiff war äußerst primitiv, wenngleich die Offiziere vom Dienst ihr Bestes taten, uns den Aufenthalt zu erleichtern. /.../. Der Diener Gottes fand es sehr schmerzlich, keine Möglichkeit zu haben, eine Messe mitzufeiern und die hl. Kommunion zu empfangen. Er bat wiederholt darum, aber bis Gibraltar waren alle Bitten vergeblich. /.../. Während des Aufenthalts in Gibraltar wurde es einem Priester gestattet, an Bord des Schiffes die hl. Messe zu feiern. Der Diener Gottes ministrierte und wir empfingen die Kommunion. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch gebeichtet und um Weihwasser gebeten. Nach einem kurzen Aufenthalt wurde die Reise nach Madeira fortgesetzt, wo wir am 19. November 1921 ankamen.103
Die letzten fünf Lebensmonate im Exil auf einer fernen Insel des Atlantik waren für den Diener Gottes wie der Schmelzofen, in dem das feine Gold geprüft wird: Leiden, Demütigungen, Enttäuschungen, Verzichte, Entbehrungen und Armut waren sein tägliches Brot. Und dennoch hat niemals jemand auch nur eine Klage oder eine Verwünschung gegen seine Verfolger aus seinem Mund gehört. Er war immer mehr auf Gott hin ausgerichtet, der für ihn einen anderen Weg beschlossen hatte; er akzeptierte es, mit Christus auf den Kalvarienberg zu steigen und das Kreuz zu umfangen. Bei der Ankunft auf Madeira befand sich der Diener Gottes vor dem Nichts. Er hatte kein Geld, keine Nachrichten von Europa, war getrennt von seinen Kindern. Doch das Erste, was er wünschte, war, dass in dem kleinen Wohnhaus, das er dort vorübergehend bezog, eine Hauskapelle eingerichtet würde für eine tägliche Feier der Eucharistie. Er war völlig ergeben in den Willen Gottes, ja schon vor seiner Todeskrankheit begriff er, dass Gott von ihm das Opfer seines Lebens wollte. Und er brachte dieses Opfer tapfer und gern, weil es ja Gott von ihm wollte. Ja, er bot von sich aus sein Lebensopfer Gott an für das Wohl der Kirche und der unsterblichen Seelen.104
Als es ihm nach einigen Monaten gelang, die ganze Familie wieder bei sich zu haben, traf ihn eine andere schreckliche Nachricht: Seine persönlichen Juwelen, mit deren Ertrag er zu leben ge
98 Summ. docc. S. 420-421.
99 Summ. docc. S. 420-421.
100 Summ. docc. S. 421-422.
101 Summ. test. S. 146, Anna Francesca Maria Lamich.
102 Summ. docc. S. 166-167.
103 Summ. test. S. 552-553, Kaiserin Zita.
104 Summ. test. S. 553-554, § 733, Kaiserin Zita.
dachte, waren gestohlen worden. Da sie nun nicht mehr in der Lage waren, die Miete des Hauses, das sie bisher in Funchal bewohnten, zu bezahlen, mussten sie das Angebot eines reichen Portugiesen annehmen, der ihnen seine Sommervilla auf dem Berg zur Verfügung stellte: drei sehr primitive Zimmer.
Am 19. Februar übersiedelten sie in die neue Behausung, die von ihrer Ausstattung her für diese kalte und nebelige Jahreszeit entschieden ungeeignet war. Es war fast unmöglich, sie zu beheizen, und dort zu wohnen war äußerst ungesund. Die Zeugen berichten, dass durch die Feuchtigkeit das Wasser die Wand herunterrann,105 und wenn man das Fenster öffnete, drangen dichte Nebelschwaden he-rein.106 Am Abend der Ankunft versammelte der Diener Gottes die ganze Familie zum Gebet rund um den rauchenden Kamin des Speiseraumes und bat den hochw. Herrn Zsamboki, das Haus zu segnen, damit auch hier Friede und Zufriedenheit einziehen mögen!107 Weil aber auch dies zu den Plänen Gottes gehörte, nahm Kaiser Karl es ergeben an, gestärkt durch den Glauben, durch die Gegenwart aller seiner Kinder und der geliebten Gattin, die nun zum jüngsten Kind schwanger war, und auch durch die Freude, ein Marienheiligtum in der Nähe zu haben, Unsere Liebe Frau vom Berge, wo er auch bald begraben werden sollte.
Liebevoll und mit Ernst, wie immer, verbrachte er Tag für Tag mit seiner Familie und widmete einen großen Teil seiner Zeit der Erziehung und Ausbildung der Kinder, speziell der zwei ältesten. Er war froh, nun ohne jeden Zeitmangel einfach Vater sein zu können. Wie es schon geschehen war, als sie noch ganz klein waren, lehrte er sie den Katechismus, die Heilsgeschichte, das Leben des Herrn; er tat alles, um ihre Seelen und ihren Geist auf Gott auszurichten.108 Auch hatte er den schönen Brauch, schon die ganz Kleinen in die Kapelle zu bringen, um sie dem Herrn anzuvertrauen.109 Er faltete ihnen die Händchen und lehrte sie so beten. Auch segnete er sie vom ersten Augenblick ihres Lebens an mit Weihwasser und tat dies jeden Abend vor dem Schlafengehen der Kleinen, nachdem er noch mit ihnen zu den Schutzengeln gebetet hatte.110 Die Familie hatte weder Koch noch andere Dienerschaft, und sie hatten kein Geld, sodass der Bischof von Madeira sich bereit erklärte, einige Spesen zu begleichen. Doch der Diener Gottes lehnte das Angebot dankend ab.111 Bischof Antonio Homen de Gouveia erinnert sich an jene Zeit: Im täglichen Umgang mit seiner Majestät bewunderte ich seinen außerordentlichen, tätigen Glauben. Alles, was er tat, stellte er unter den göttlichen Willen; mit größter Ergebenheit ertrug er alle Missgeschicke und Widrigkeiten, ohne je ein Wort der Verbitterung gegen seine Feinde zu äußern. Ja, er suchte sie sogar zu entschuldigen, indem er in ihnen Werkzeuge der göttlichen Vorsehung sah. Lange Stunden der Nächte verbrachte er vor dem Allerheiligsten in seiner Hauskapelle. Und nie hat er wichtige Geschäfte erledigt, und wären sie noch so dringend gewesen, ohne sich vorher zum Allerheiligsten Sakrament zu begeben. /.../. Er wohnte der heiligen Messe mit einer beeindruckenden Frömmigkeit bei; täglich empfing er die heilige Kommunion und erbaute alle Mitfeiernden durch seine hervorragende Andacht und Gläubigkeit, die sich bis in die kleinsten Dinge auswirkte. /.../. Zu Hause war er ungemein liebenswürdig zu allen, zur Gattin, zu den Prinzen und den Dienern; man hörte kein lautes Wort, das Aufregung oder Ungeduld angezeigt hätte. Mit Freuden empfing er zum Beispiel eines Tages die Nachricht vom guten Ausgang einer Operation seines Sohnes in der Schweiz! Sofort eilte er mitten durch einen heftigen Regen einen Kilometer weit, um mir die gute Nachricht zu bringen: „Eine schwere Sorge weniger in meinem Leben! O, wie bin ich Gott dankbar!112 Auch der Bischof von Funchal sagte, dass der Aufenthalt des Dieners Gottes auf Madeira der Gnade einer Predigt gleich kam, allein durch das Beispiel, dass er vor allem den vornehmeren Volksschichten gab.113
Doch in seinem ganzen Verhalten wurde immer klarer, dass sich etwas in ihm tief greifend verändert hatte: Seine innige Gottverbundenheit war derart stark geworden, dass sie fast zu greifen war; seine Sammlung bei der Messe war geradezu ekstatisch geworden. In diesen Momenten war für ihn die äußere Welt versunken, so dass es unmöglich war ihn abzulenken, nicht durch eine Berührung,
105 Summ. test. S. 106-107, ad 35, Alfred Kiesewetter.
106 Summ. test. S. 52, Erzherzogin Elisabeth.
107 Summ. docc. S. 84-85, V. Mensdorff Pouilly, Storia della Malattia.
108 Summ. test. S. 585, Kaiserin Zita.
109 Summ. test. S. S. 586, Kaiserin Zita.
110 Summ. test. S. 587, Kaiserin Zita, S. 807, ad 43, Rev. P. Zsamboki.
111 Summ. test. S. 806, Rev. Paolo Zsamboki.
112 Summ. test. S. 897-898, § 1115, Mons. Antonio Homen de Gouveia.
113 Summ. test. S. Mons. Antonio Manuel Pereira Ribeiro.
ja nicht einmal, wenn man ihn heftig stieß, wie die Gattin Zita wiederholt feststellen konnte114 und ebenso die Bewohner der Insel, die von seinem Verhalten sehr erbaut waren.
Eines Tages blickte er lange hinauf zum Heiligtum Nossa Senhora do Monte und sagte seiner Frau: Hier möchte ich nicht sterben, aber sogleich fügte er ganz entschieden hinzu: Der liebe Gott wird tun, was er will.115 Er hatte klar begriffen, dass Gott ein letztes totales Opfer für das Heil seiner Völker von ihm verlangte: das Opfer seines Lebens. Karl war überzeugt, dass das Gebet des Vaters durch die Wolken dringt. Ein Teil meiner Kinder hat dem Glauben abgesagt, andere sind in Gefahr, dasselbe Geschick zu teilen. So habe ich beständig vor Gott zu kämpfen, um die einen zurückzuführen und die anderen zu bewahren.116 Nunmehr war ihm jeder Verzicht aus Liebe zu Gott möglich geworden, auch der auf seine Familie. Er sagte zu seiner immer besorgteren Frau: Gott hat mir die Gnade geschenkt, dass es hier auf Erden nichts mehr gibt, das ich ihm nicht zu opfern bereit wäre aus Liebe zu ihm und für das Wohl der heiligen Kirche. Und auf die Frage, ob er die Kirche in der Heimat meine, antwortete er: Ich kann Heimat und Kirche nicht mehr auseinander halten. 117
Die letzte öffentliche Feierlichkeit, an welcher der Kaiser gemeinsam mit den beiden ältesten Söhnen teilnahm, war die Segnung der Turmuhr der Kathedrale, wo er als Pate fungierte,118 begeistert begrüßt von der Bevölkerung Funchals, die er in seinem kurzen Aufenthalt ganz für sich gewonnen hatte. Am 9. März beginnt für Kaiser Karl der Anstieg auf den Golgatha, der am 1. April vollendet sein wird, wenn Karl, Kaiser von Österreich und König von Ungarn, seine reine Seele dem Vater zurück geben wird in der Gewissheit, von ihm den Lohn des ewigen Lebens zu empfangen dort, wo er sich der beseligenden Anschauung Gottes erfreuen und endlich am Herzen seines Meisters ausruhen kann, an jenem Herzen, das von jeher seine Zuflucht, seine Sicherheit und seine felsenfeste Hoffnung gewesen war.119 Was zu-nächst wie eine ganz gewöhnliche und harmlose Grippe erschien, entwickelte sich zu einer tödlichen Lungenentzündung. Doch in den 22 Tagen seiner Todeskrankheit zeigte er nie auch nur einen leisen Anflug von Ungeduld, keine Klage trotz schrecklicher Atemnot, quälendem Hus-ten, brennendem Durst und lähmender Schwäche; trotz schmerzhafter Kuren, einer Unzahl von erschöpfenden Behandlungen und zwei schmerzenden Geschwüren.120 Die ganze Zeit seiner Krankheit betete Karl ununterbrochen. Und als er nicht mehr sprechen konnte, setzte er sein Gebet innerlich fort. Seine einzige Sorge war es, seine Frau und die Leute, die ihn pflegten, nicht allzu sehr zu belasten. Dieser Charakterzug hatte ihn übrigens sein ganzes Leben begleitet, auch schon als Kaiser.
Als er begriff, dass sein Ende bevorstand, wollte er mit seiner Frau Zita die künftige Erziehung der Kinder besprechen, mit besonderer Sorgfalt bezüglich der religiösen Unterweisung, vor allem des Erstgeborenen. Für die Wahl des männlichen Erziehers bekam Zita ganz bestimmte Direktiven: Wegen der nationalen Rivalitäten zwischen den monarchischen Gruppen konnten mit dieser Beauftragung Probleme entstehen. Der Diener Gottes gab den ausdrücklichen Auftrag, einen Erzieher aus dem Ausland zu wählen, der eine streng katholische Erziehung garantierte, der den jugendlichen Geist für die katholischen Ideale zu entflammen vermochte, selbst wenn dies einen politischen Nachteil nach sich ziehen sollte.121 Sobald die Bevölkerung der Insel von der Erkrankung des „guten Königs Karl“ erfuhr, begannen die Leute zu beten. Ja, man gab sogar der jährlichen Prozession mit Christus, dem Erlöser, den Charakter einer Bittprozession für seine baldige Genesung. Auch die Böllerschüsse, die sonst zu dieser Gelegenheit abgefeuert wurden, unterließ man, um die Ruhe des Kranken nicht zu stören.122
In jenen langen Tagen war es seine größte Sehnsucht, einer hl. Messe beiwohnen und die hl. Kommunion empfangen zu können. Aber die irrige Auffassung, dass die Medikamente das eucharistische Fasten brachen, zwangen ihn, die innigste Sehnsucht seines Herzens zum Opfer zu bringen,123 bis Rev. P. Zsamboki, sein letzter Kaplan, ihn langsam und mit Nachdruck überzeugen konnte, dass ein derart kranker Mensch zum eucharistischen Fas-ten nicht verpflichtet sei.124 Von da an war er
114 Summ. test. S. 616-617, Kaiserin Zita.
115 Summ. test. S. 581, Kaiserin Zita.
116 Summ. test. S. 580.
117 Summ. test. S. 582.
118 Summ. test. S. 122.
119 Summ. test. S. 872, M. Maria Antonia di Borbone-Parma.
120 Summ. docc. S. 86.
121 Summ. test. S. 586, Kaiserin Zita.
122 Summ. docc. S. 91.
123 Summ. docc. S. 123.
124 Summ. test. S. 817, Rev. Paolo Zsamboki.
überglücklich, die hl. Kommunion bis zu seinem Tod täglich empfangen zu können. Die Verschlimmerung der Krankheit, immer wiederkehrende Kollapse, die Vergeblichkeit der schmerzhaften Anwendungen ließen das Herannahen der letzten Stunde voraussehen. So riet ihm seine Stiftgroßmutter, die Erzherzogin Maria Theresia, zum Empfang der Letzten Ölung. Und er wollte nochmals beichten, obgleich er dies regelmäßig alle acht Tage tat, um allen zu vergeben, die gegen ihn gearbeitet hatten, und seine Gebete und Lei-den für seine Verfolger aufzuopfern.125
Kaiser Karl wollte, dass bei der Letzten Ölung auch sein Erstgeborener Otto zugegen sei, damit ihm eine Erinnerung und ein Beispiel für sein Leben bleibe, damit auch er wisse, was er in diesem Fall als wahrhaft katholischer Kaiser zu tun habe.126 Er bat, dass ihm die Sterbegebete des Rituals so vorgelesen würden, dass er bewusst mitbeten könne. Der Kranke empfing die Letzte Ölung mit großer Andacht, er selbst streckte die Hände zur Salbung hin und betete die Gebete des Priesters mit. Die Außenwelt war für ihn wie verschwunden. Nach der Letzten Ölung erteilte ich ihm den Segen des Heiligen Vaters, dessen treuer Sohn er stets gewesen war, erinnert sich Msgr. Dr. Paul Zsamboki.127
In der letzten Nacht seines Erdenlebens litt er sehr, doch er opferte seine Leiden Christus auf. „Ich muss so viel leiden, damit meine Völker wieder zusammenfinden.“ In jener Nacht quälte ihn ein großer Durst, aber man musste immer erraten, was er wünschte. Oft lag er lieber stundenlang in unbequemer Lage, als dass er eine Klage oder einen Wunsch geäußert hätte. Und für jeden erwiesenen Dienst bedankte er sich mit rührender Herzlichkeit.128 Zum physischen Schmerz kam noch ein seelischer: die Sorge um die Zukunft der Gattin und der Kinder, seines Landes, und das Fernsein von seinen Getreuen. Doch fand er in seinen Leiden Trost im allerheiligsten Herzen Jesu. Sonst, sagte er, wäre es unerträglich.129
Am Tag seines Todes, nach dem Empfang der hl. Kommunion, verblieb er vollkommen in sich gesammelt und murmelte Stoßgebete, von denen das häufigste das Jesus, dir leb ich; Jesus dir sterb ich war. Dr. Zsamboki bemerkte, wie der Sterbende „sehnsüchtig zum Ziborium blickte“, mit dem er vor ihm stand und das Allerheiligste dem Sterbenden vor die Augen hielt.130 Kurz darauf bat er inständig um die Wegzehrung (Sterbesakrament), und nachdem er es empfangen hatte, sagte der Kaiser mit großer Innigkeit: „In den Armen des Heilandes /.../. Du und ich und unsere lieben Kinder“. Darauf sprach er den Akt der vollkommenen Reue und empfahl, eines nach dem anderen, seine Kinder dem Herrn mit der Bitte, sie an Leib und Seele zu beschützen, und ‚lass sie eher sterben als eine schwere Sünde begehen! So sei es. Amen.“
131 Und immer wieder küsste er das Herz-Jesu-Bild, das ihm an die Lippen gehalten wurde.
Hernach verfiel er rasch. Die Ärzte pumpten Sauerstoff direkt in seine Lungen, doch vergebens. Dann hörte man noch ganz leise: „Jesus, mein Jesus /.../. Ja, mein Jesus, wie Du willst Jesus!“ Die Sätze klangen wie Teile eines Gesprächs, das er mit seinem Heiland hatte. Die Welt existierte nun nicht mehr für ihn. /.../. Die Lippen stammelten Gebete, der Blick wurde fern, so wie wenn er schon in eine andere Welt schaute. Bei allen Leiden war sein Gesichtsausdruck so heiter und mild, wie man es an seiner Majestät nie zuvor gesehen hatte, auch nicht in den besten Zeiten. /…/. Noch zwei, drei Atemzüge, ein leichter Seufzer /.../ und ein edles Herz hat zu schlagen aufgehört. Auch wenn mir der Tod seiner Majestät sehr zu Herzen ging, sagt Msgr. Dr. Paul Zsamboki, war ich dennoch so ruhig über das Los des Verstorbenen, wie nie zuvor in anderen Fällen.132
Seine Loslösung von den irdischen Gütern war so radikal und seine Garderobe so minimal, dass man eine Jacke zurücknehmen musste, die der König ein paar Jahre zuvor einem seiner Diener geschenkt hatte, um ihn mit dieser Jacke bekleidet begraben zu können.133
Nach der Nachricht über den Tod des Kaisers eilte das Volk in Scharen herbei, defilierte stundenlang an seiner Bahre in der Hauskapelle und legte zum Zeichen der Verehrung Rosenkränze und andere Andachtsgegenstände nieder.134 Dieser einfache, demütige und warmherzige Mann, voll aufmerksamer Sorge um seine Mitmenschen, fähig zu echt menschlichen Beziehungen mit Reich und125 Summ. docc. S. 93-94.
126 Summ. docc. S. 93-94.
127 Summ. docc. p. 125.
128 Summ. docc. S. 126.
129 Summ. docc. S. 127.
130 Summ. docc. S. 127.
131 Summ. docc. S. 128.
132 Summ. docc. S. 129.
133 Summ. test. S. 810, Rev. Paolo Zsamboki.
134 Summ. test. S. 823, Rev. Paolo Zsamboki.
Arm, hatte die Herzen der Inselbewohner in knappen fünf Monaten erobert, und dies ohne den Glanz von Zepter und Krone. Sie beweinten nicht einen letzten Kaiser, sondern den guten Karl, der mitten im Elend des Exils durch sein zutiefst menschliches und christliches Verhalten sie alle zutiefst beeindruckt hatte. Diesem in Jesus Christus verliebten Mann zollten die Bewohner von Funchal alle Ehre und Liebe. An seinem Begräbnis nahmen ca. 30.000 Personen teil, und alle Geschäfte blieben geschlossen. Der Bischof und die Kanoniker von Funchal sowie die anderen Priester, die das Begräbnis mitfeierten, sprachen von ihm wie von einem Heiligen. Seine sterblichen Überreste wurden in der schönen Kirche Nossa Senhora do Monte beigesetzt.135
Mit seinem Tod endeten das Erdenleben und das Glaubensleben des Kaisers und Königs Karl von Habsburg. Doch ein anderes, viel bedeutsameres begann: das Leben in den Armen seines Erlösers, des Bringers jenes Friedens, den er in seinem Leben so sehr ersehnt hatte; jenes Herrn Jesus, der seinen demütigen Diener Karl aus dem Staub des Exils zur Ehre der Altäre erhöhen wird.
135 Summ. test. S. 823-824, Rev. Paolo Zsamboki.